Geschichte

Geschichte der Stadt Zierenberg

Die erste und früheste Erwähnung der Stadtgründung befindet sich heute auf einem Inschriftenstein in der Turmhalle der evangelischen Stadtkirche. Nach der Inschrift ist die Gründung der Stadt und der gleichzeitige Beginn des Baus einer Kirche auf das Jahr 1293 zu datieren. Auf einer zweiten Seite des Inschriftensteins wird der Bau des jetzigen Kirchenschiffs im Jahr 1430 erwähnt. Im Jahr 1707 zerstörte ein furchtbarer Brand die meisten Häuser der Stadt. Auch der gotische Kirchturm brannte bis zum ersten Umgang ab. Der Wiederaufbau des Turms in seiner heutigen Gestalt (einschließlich des "Türmerstübchens" auf der Ebene des zweiten Umgangs) wurde 1738 abgeschlossen. Der wuchtige Turm ist mit einer Höhe von 45 Metern das Wahrzeichen der Stadt.

Auch die Stadtmauern sind älteste Zeugnisse Zierenbergs. Anfangs war die Stadt nur mit Wall und Graben bzw. Hagen, einem undurchdringlichen Dickicht aus Strauchwerk, befestigt. Die Stadtmauer wurde ab 1293 in Teilabschnitten errichtet und ist im Gegensatz zu den drei mit Türmen überbauten Stadttoren noch zu großen Teilen erhalten.

Auch die Stadtteile können auf eine reiche geschichtliche Vergangenheit zurückblicken:
Burghasungen, das im Jahre 1974 die 900-Jahrfeier der Weihe des Klosters Hasungen feierte, das über 1200 Jahre Oberelsungen, Laar, das 938 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde und wohl die älteste Siedlung im Warmetal ist, Schloss und Gut Escheberg, das sich seit dem 12. Jahrhundert im Besitz der Herren von der Malsburg befindet, Oelshausen, das mehr als 900 Jahre alt ist und Hohenborn, das um die Mitte des 16. Jahrhunderts als Rittergut entstand.


Kernstadt Zierenberg

Im Tal der Warme, zwischen dem Dörnberg (578 Meter über NN) im Osten und dem Bärenberg (601 Meter über NN) im Westen nur 20 km von Kassel entfernt, liegt die Stadt Zierenberg, im Naturpark Habichtswald. Mit ihren Stadtteilen Oberelsungen, Burghasungen, Oelshausen, Escheberg, Laar und Hohenborn, die seit 1971 zu Zierenberg gehören, umfasst die Stadt heute mehr als 7.000 Einwohner.

Zierenberg... eine Stadt mit Vergangenheit

Die Jahresfeste der Rohrbacher und Leutzewärter Bruderschaften, die jedes Jahr Anfang Februar stattfinden, erinnern daran, dass es in der Feldgemarkung der Stadt schon lange Zeit vor der Stadtgründung einige Dörfer gab. Sie wurden Ende des 13. Jahrhunderts von ihren Bewohnern verlassen, als Landgraf Heinrich I. von Hessen 1293 die Stadt Zierenberg als Festung und Verwaltungsmittelpunkt zur Sicherung seiner landgräflichen Herrschaft im oberen Warmetal gründete.


Oberelsungen

Oberelsungen ist der größte Stadtteil Zierenberg mit über 1.400 Einwohnern.
Rundwanderwege rund um den Ort mit Schutz- und Grillhütte, der Waldsportplatz und eine Kegelbahn bieten dem Besucher ebenso Spaß und Erholung wie die Bücherei, Spielplätze oder die Kneipp-Anlage. Einkehren kann man in den ortsansässigen, gemütlichen Gaststätten. In den Geschäften bekommt man noch freundlich all das angeboten (z.B. "Ahle Wurscht"), was man zum Leben braucht.


Burghasungen

Bereits vor 1017, als sich der Mönch Heimerad auf dem Berg über Burghasungen niederließ, muss er schon bewohnt gewesen sein. 1074 wurde dann ein Karolingerstift gegründet. Burghasungen ist über die Autobahn A44 Kassel-Dortmund sehr einfach zu erreichen und bietet hervorragende Möglichkeiten der Erholung. Wunderschöne Wanderwege führen vorbei an Klippen aus Vulkangestein zu dem Naturschutzgebiet "Burghasunger Berg" mit seinem ständig (auch in sehr trockenen Jahren) gefüllten Teich. Von diesem Punkt hat man einen wunderschönen Blick auf den Habichtswald, den Dörnberg und ins Wolfhager Land. Berühmt durch ihre malerische Lage ist außerdem die Freilichtbühne von Burghasungen: mitten im Wald umgeben von hohen Klippen. Im Ort befindet sich eine Bücherei, das Klostermuseum, Spiel- und Bolzplatz, gemütliche Unterkünfte und Restaurants.
Zur Website von Burghasungen: www.burghasungen.de


Oelshausen

Die frühen Nachrichten über Oelshausen sind über Jahrhunderte eng an die Urkunden über das Kloster Hasungen gebunden. Dieser idyllische Ort mit seinen hübsch restaurierten Fachwerkhäusern liegt in ruhiger Lage unweit von Zierenberg und hat ca. 550 Einwohner. Fröhlichkeit und Heiterkeit - nicht nur zum Oelshäuser Karneval - machen diesen Ort über seine Grenzen hinaus bekannt. Im Ort ist das Dorfgemeinschaftshaus mit einer modernen Kegelbahn, direkt neben dem Sportplatz, zu finden. Außerdem sind noch ein Spielplatz, herrliche Wanderwege und eine Grillhütte vorhanden. Weiterhin bieten Gaststätten und Pensionen eine Möglichkeit zur Ruhe und Entspannung.


Escheberg

Der Stadtteil Escheberg besteht im wesentlichen aus dem im Fachwerkstil errichteten Gutshof, einem kleinen Wirtschaftshof, der durch eine ehemalige Orangerie mit dem im englischen Stil im 18. Jahrhundert angelegten, gepflegten und der Öffentlichkeit zugänglichen Park verbunden ist, und dem im gotischen Stil seit 1530 als Fachwerkbau von der Familie von der Malsburg, die auch heute noch hier ansässig ist, errichteten Schloss. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Romantik, war Escheberg kulturelle Begegnungsstätte zahlreicher bekannter Maler, Dichter und Musiker. So gewährte Karl-Otto von der Malsburg u. a. Emanuel Geibel, dessen berühmtes Lied "Der Mai ist gekommen..." hier entstand, seine Gastfreundschaft. Vor wenigen Jahren entstand vor der historischen Kulisse des Gutes ein einfühlsam in die von Buchenwäldern geprägte hügelige Landschaft eingepasster 18-Loch Golfplatz, der als einer der schönsten der Region gilt.


Laar

Die Ansiedlung Laar gehörte zum Gerichtsbezirk derer von der Malsburg, in deren Besitz Laar zum erstenmal 1322 bezeugt wird. Diese verkauften das Gut 1688 bzw. 1691 an den hessischen Landgrafen Karl. In den folgenden Jahren wechselten die Besitzer ständig, bis im Jahre 1901 Wilhelm von Starck das Gut übernahm. Kulturhistorisch ist das Gut in der Geschlossenheit seiner Gesamtlage bedeutend. Das Schloss stammt aus der Zeit um 1790, die Wirtschaftsgebäude stammen aus den Jahren 1565 und 1599. Die "alte Mühle" von Laar stammt ebenfalls aus dem Jahr 1599 und dient seit ihrer Restaurierung im Jahr 1994 der Stromerzeugung. Das dort eingerichtete Mühlenmuseum ist nach Absprache mit dem Fremdenverkehrsverein Zierenberg jederzeit zu besichtigen. Gruppen können in der Mühle nach der Besichtigung des Museums noch eine Mühlenvesper erhalten.


Hohenborn

Die Ersterwähnung Hohenborns, einst als Rittergut gegründet, erfolgte im Jahr 1560, als Silvester von der Malsburg seiner Tochter Anna von Büren das Haus Hohenborn als Brautschatz verschrieb. 1850 kaufte das Gut Kurfürst Friedrich Wilhelm I., später gehörte es dem Prinzen von Hanau. Gut Hohenborn fällt nicht nur durch seine idyllische Lage inmitten von Wiesen und Wäldern auf, sondern auch durch seine wunderschönen Fachwerkhäuser. Der Produzent des Films "Der Winter, der ein Sommer war" fand dieses Gut so hübsch, dass viele Außenaufnahmen des Films auf Gut Hohenborn gedreht wurden


Einwohnerzahlen der Stadtteile

Stadtteil Hauptwohnung Nebenwohnung Gesamt
Zierenberg 3.804 170 3.974
Oberelsungen 1.255 45 1.300
Burghasungen 937 30 967
Oelshausen 543 11 554
Escheberg 24 2 26
Laar 15 1 16
Hohenborn 15 2 17

AG Erinnerungskultur

Stolpersteinverlegung 2016

Verantwortlich:  Wilfried Wicke, Sprecher der AG

Fotos: Nina Skripietz

(Fotos und Biografien in der Reihenfolge der Stolpersteinverlegung am 14.09.2016)

Ende des Jahres 2014 konstituierte sich in Absprachen mit dem Magistrat der Stadt, mit der Ev. Kirchgemeinde und mit der Kath. Kirchengemeinde die Arbeitsgemeinschaft "Erinnerungskultur Zierenberg".  In den folgenden Monaten recherchierten die Mitglieder der AG die Lebensgeschichten  der ehemals jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. die in der Zeit des Nationalsozialismus durch Flucht, Deportation und Ermordung aus unserer Gesellschaft verschwanden. Zur Erinnerung an sie sollten "Stolpersteine" vor ihrer letzten Wohnung in den Bürgersteigen verlegt werden.

Am Mittwoch, dem 14. September 2016 konnten  durch den Künstler Gunter Demnig, der im Jahr 1990 die Aktion "Stolpersteine" ins Leben gerufen hatte,  mit Hilfe des Bauhofs der Stadt Zierenberg  insgesamt 22 Stolpersteine verlegt werden. Auf  den montierten Messingplatten der Steine sind die Namen und kurze Angaben über das Schicksal der jüdischen Menschen eingraviert.

Eröffnet und beendet wurde die Aktion am Marktplatz.  Pfr. i .R. Wilfried Wicke, Sprecher der AG Erinnerungskultur Zierenberg,  Bürgermeister Stefan Denn, Pfarrerin Dorothee Rahn und die Kirchenvorsteherin Christine Meurer begrüßten  circa 100 Menschen aus Nah und Fern, darunter Vertreterinnen und Vertreter der kommunalen Körperschaften, der Schulen,  der liberalen jüdischen Gemeinde Nordhessen „Emet weSchalom“ (Felsberg), des Vereins „Rückblende - Gegen das Vergessen“ (Volkmarsen) und der Geldinstitute. Besonders  begrüßten sie Herrn Gunter Demnig und den jüdischen Künstler und Sänger Herrn Dany Bober aus Wiesbaden, der mit Psalmgesängen und Liedern der jüdischen Tradition die Verlegung musikalisch musikalisch eindrucksvoll begleitete.

Die bewegendsten und berührendsten Augenblicke während der fast dreistündigen Aktion  bildeten vor allem die Begegnungen mit den Angehörigen der Familie Kaiser. Frau Ilana Tzur, für die auch ein Stolperstein vor ihrem ehemaligen Elternhaus in der Burgstraße verlegt wurde,  war mit ihrem Sohn Shlomo aus Israel angereist und mit ihnen ihre Enkelin Shahar Padden aus London und Angehörige der Familie Kaiser aus Berlin.  Die Enkelin hat eine beeindruckende Rede gehalten.

 

Auszüge aus der Rede

"Es ist für mich eine große Ehre, heute hier neben meiner tapferen Großmutter in ihrer Heimatstadt zu stehen, wo sie ein glückliches Leben mit ihrer geliebten Familie, Mutter, Vater und Bruder bis zur Reichsprogromnacht im November 1938 führte. Meine Großmutter war noch ein Kind, als sie gezwungen wurde, ihr Heim zu verlassen ...

Sie war ein kleines Mädchen, die ihrem Vater Lebewohl sagen musste, weil er von seiner Familie getrennt und nach Auschwitz geschickt wurde, von wo er nicht mehr zurückkehrte. In den darauffolgenden furchtbaren Jahren wurde sie vom Ghetto ins Konzentrationslager deportiert, wo sie mit ansehen musste, wie ihre Mutter vor ihren Augen eine tödliche Injektion bekam, ohne Zeit zu haben, um sie zu trauern, da sie die harte Arbeit ihres Arbeitstages fortsetzen musste ...

Ich bin stolz auf dich, Großmutter, dass du heute hier in der Stadt stehst, die du als deine Heimat in deinem Herzen so lieb gewonnen hattest, umgeben von einer liebevollen Familie, der du gedenkst und so einen Beitrag zur  Erinnerung an Berta, Siegfried und Rudi Kaiser leistest.  Ich verspreche dir, liebste Großmutter, dafür zu sorgen, dass die Geschichte deines Mutes, deiner Tapferkeit und deines Vergebens immer in Erinnerung bleibt und als Inspiration dient für diejenigen, die das gesegnete Glück haben, dich ...zu kennen."

(Aus dem Englischen übersetzt von Claus Juch)

 

Die Stolpersteinaktionen und ihre Finanzierung

Die Gesamtkosten für die Aktion 2016 in Höhe von circa 3950,00 Euro konnten dankenswerterweise durch Spenden und durch Sponsoring finanziert werden. Die Reaktion der Zierenberger Bevölkerung auf die Feier ermuntert die AG Erinnerungskultur,  mit dem bisher gezeigten Engagement eine weitere Verlegung von Stolpersteinen im Jahr 2017 vorzubereiten und durchzuführen. An den Recherchen beteiligt sich erfreulicherweise eine Schulklasse der Elisabeth-Selbert-Schule Zierenberg.  Auch diese Aktion soll wieder über Spenden finanziert werden.

 

Unsere Bankverbindung:

Kirchenkreisamt Hofgeismar-Wolfhagen, Evangelische Bank eG,                  IBAN: DE13 5206 0410 0002 0001 05 , Stichwort: Stolpersteine

Die Mitglieder der AG Erinnerungskultur 2016

Bürgermeister Stefan Denn, Hermann Giesendorf, Hans Peter Klein - Melsungen, Martina Kolle, Pfarrerin Dorothee Rahn, Gabriele Spitzinger, Anette Völkel, Petra Wenderoth, Wilfried Wicke, Heidrun Zeuner

 

Worte zum Geleit

Für uns in Zierenberg sollen heute Stolpersteine die Namen der Menschen zurückbringen, für die einmal auch unsere Stadt Heimat gewesen ist.

(Pfarrer.i.R. Wilfried Wicke)

Ab heute soll das erinnernde Gedenken an ehemals jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger auch sichtbar Gestalt in unserer Stadt gewinnen.

(Bürgermeister Stefan Denn)

Mögen uns die Stolpersteine helfen,  den Opfern zumindest durch den Erhalt ihrer Namen an ihrem früheren Wohnort „ins Gesicht zu schauen".

(Pfarrerin Dorothee Rahn).


Familie Lamm

Marktplatz 9

Siegmund Lamm, Johanna Lamm geb. Gerson, Hugo Lamm, Grete Lamm

Der am 5.1.1872 in Obergleen im Vogelsberg geborene Kaufmann Siegmund Lamm und seine Ehefrau, Johanna Lamm geborene Gerson *26.5.1880 in Zierenberg, wurden im April 1940 in die Kaiserstraße in Kassel eingewiesen. Bis 1938 haben sie in Zierenberg gelebt. Siegmund Lamm betrieb dort, seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, im Haus Marktplatz 60/61 ein Geschäft mit Textilien und Schuhwaren. Dieses Geschäft hatte er von seinem Schwiegervater Gustav Gerson geerbt. Im gleichen Haus, wohnte die Familie mit den Kindern, Hugo *1903 und Grete * 30.12. 1905. Die Familie Lamm war sehr beliebt und das Geschäft lief gut. Hugo arbeitete als Bankangestellter in Kassel und fuhr täglich mit der Eisenbahn dort hin. Grete fuhr die Nachbarskinder im Kinderwagen spazieren. Ab 1933 ging der Geschäftsumsatz erheblich zurück.Es kursierte die Parole „Kauft nicht bei Juden“. Am 10.8.1934 heiratete Grete Ernst Neuhaus aus Nürnberg.Die Hochzeit fand noch in Zierenberg statt. Die Geschwister Lamm verließen 1935 ihre Heimat und gingen nach Prag. Hugo heiratete dort, Ida Fleischer und sie bekamen 1936 einen Sohn namens Edgar Herbert. 1946 wanderten sie nach Amerika aus. Auch Grete und Ehemann Ernst gingen nach Amerika.Sie wurde 97 Jahre alt und starb kinderlos, am 2. Mai 2003 in Boca Raton, Florida.  Johanna und Siegmund Lamm wurden am 7.9.1942 ab Kassel Richtung Chemnitz deportiert. Beide starben im Lager Theresienstadt im April 1943. Siegmund am 16.4. und seine Frau zwei Tage später.

 

(Biografie erarbeitet von Petra Wenderoth)


Familie Rothschild

Kasseler Str. 9

Berta Rothschild, geb. Hattenbach, Hilde Rothschild verh. Blumenthal

Berta Rothschild wird als siebtes von acht Kindern der Eheleute Nathan und Blüme Hattenbach 1886 in Schauenburg-Hoof geboren. Sie heiratet  den Zierenberger Handelsmann Samuel Rothschild. Sie wohnen in der Querstraße 1901/2 – heute die Kasseler Str. 9 und betreiben dort einen Warenhandel. Ihre einzige Tochter Hildegard wird 1912 geboren. Als Patriot kämpft ihr Mann Samuel im 1. Weltkrieg für sein Land und stirbt 1916 an einer Verletzung im Lazarett Posen. Fortan führt Berta das Geschäft alleine weiter. Nach den Novemberpogromen 1938 verkauft sie ihr Haus und zieht zunächst in die Orleansstr. nach Kassel, bevor sie dann in den sogenannten 'Judenhäusern' wohnen muss. Mit dem ersten Kasseler Massentransport im Dezember 1941 wird sie nach Riga deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Der Wiedergutmachungsantrag ihrer Tochter konnte nie bearbeitet werden, da es keine Todesurkunde von Berta gab! Hildegard Rothschild, genannt Hilde, ist die Tochter von Berta und Samuel. Ihre Eltern besitzen einen Warenhandel in der Kasseler Str.. Hilde macht eine Lehre zur Schneiderin und gilt als Zierenbergs hübschestes Mädchen. Sie heiratet 1937 den Hersfelder Leo Blumenthal und flüchtet kurz darauf mit ihm nach Kolumbien. Sie verlassen Deutschland über Bremen und landen in Buenaventura. Sie leben zunächst bei Leos Bruder in Cali, wo der erste Sohn Ramón geboren wird. Noch im selben Jahr ziehen sie nach Bogotá, wo vier Jahre später der zweite Sohn Peter zur Welt kommt. Die Söhne werden auf eine hebräische Schule geschickt und lernen Spanisch. Deutsch hören sie nur, wenn sich ihre Eltern unterhalten. In Bogotá betreibt Leo einen 'Krämerladen' für Stoff- und Nähzubehör. Hilde kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Ramón berichtet, dass er und sein jüngerer Bruder eine glückliche Kindheit hatten. Sie waren nicht reich, aber es fehlte Ihnen an Nichts. Hilde stirbt 1988 in Bogotá.

 (Biografie erarbeitet von Gabriele Spitzinger)


Familie Kaiser

Burgstraße 32

Siegfried Kaiser, Bertha Kaiser, Rudi Kaiser und Ilse Kaiser           (Geburtsname Mandelbaum)

Siegfried  Mandelbaum  wurde 1896 in Wabern als 7. Kind des Handelsmanns Hermann Mandelbaum und seiner Frau Esther geboren. Er wuchs in Wabern auf und heiratete 1922 Bertha Schartenberg aus Zierenberg. Bertha war die 1890 in Zierenberg geborene Tochter des Handelsmannes Isaak Schartenberg und seiner Frau Sophie.

Siegfried zog zu seiner Frau in das Haus der Schartenbergs im Kalbesnacken
 7 3/4 in Zierenberg und verdiente seinen Lebensunterhalt als Händler von Früchten und  Ziegenfellen. 1925 wurde Sohn Rudolf, genannt Rudi, in Kassel geboren, 1928 in Zierenberg Tochter Ilse. Ilse ging zunächst in die Volksschule in Zierenberg. Da sie schon dort Anfeindungen ausgesetzt war, wechselte sie bald auf die jüdische Schule in Kassel. 1934 wurde auf Antrag von Julius Mandelbaum, einem Bruder von Siegfried,  der Familienname Mandelbaum in Kaiser geändert, was vermutlich dem Schutz vor national-sozialistischer Verfolgung dienen sollte.

Im November 1938 verließ Familie Kaiser aus Angst vor Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung ihren Wohnort Zierenberg und zog nach Kassel. Dort wurde Siegfried noch im gleichen Monat festgenommen und nach Buchenwald deportiert.  Nach seiner Entlassung im Dezember 1938 lebte er mit seiner Frau und den beiden Kindern unter verschiedenen Adressen in Kassel, zuletzt im Lager Wartekuppe. Am 09.12.1941 wurde die Familie mit dem 1. Transport von Kassel nach Riga deportiert. Siegfried wurde 1943 ins KZ Auschwitz überstellt und dort ermordet. Bertha, Rudi und Ilse kamen 1944 ins KZ Stutthof, dort wurde Bertha ermordet. Als die sowjetische Armee im Frühjahr 1945 näher rückte, löste man das Lager Stutthof auf, es begannen die Todesmärsche in Richtung Westen. Ilse und Rudi gehörten  zu den Häftlingen, die mit völlig überfüllten Lastkähnen in die Lübecker Bucht gebracht wurden.

An Bord herrschten unsagbare Zustände. Die Menschen erhielten keine Nahrung, sie wurden geschlagen und misshandelt, diejenigen, die starben, wurden einfach über Bord geworfen. Am 03.05.1945 bombardierte die britische Luftwaffe, die die Nachricht von der Evakuierung der jüdischen KZ-Häftlinge in die Lübecker Bucht zu spät erhalten hatte, die Schiffe. Die SS-Wachmannschaften flüchteten, so dass die Lastkähne führungslos umher trieben und schließlich bei Neustadt in Holstein strandeten. Die Menschen, die versuchten, sich an Land zu retten, wurden beschossen. Viele kamen dabei ums Leben. Rudi, der auf dem Schiff von SS Wachmannschaften schwer misshandelt worden war, starb an diesem Tag an diesen Verletzungen. Ilse konnte sich unverletzt an Land retten und traf bei Neustadt auf  die britischen Truppen.

Ilse versuchte bald in Zierenberg und Kassel überlebende Verwandte zu finden. Da ihre Suche erfolglos blieb, ging sie im Dezember 1947 nach Palästina und lebt heute unter dem Namen Ilana Tsur in Haifa.

(Biografie erarbeitet von Heidrun Zeuner)

Familie Rothschild

Mittelstraße 51

Minna Rothschild geb. Weisbecker, Berthold Rothschild,Doris Rothschild verh. Loeb, Heinz David Rothschild

Berthold Rothschild wird 1882 in Zierenberg geboren. Seit Generationen leben die Rothschilds hier. Wie auch sein Vater schon, ist er Handelsmann und betreibt sein Geschäft in der Mittelstraße. Auch zum Synagogenvorstand gehört er mehrere Jahre. In erster Ehe heiratet er 1920 Marianne Weisbäcker aus Fischborn bei Gelnhausen. Bald kommt die gemeinsame Tochter Doris zur Welt. Als das Neugeborene kaum 6 Monate alt ist, stirbt Marianne. Ein Jahr später heiratet Berthold Minna Weisbecker, die Cousine seiner verstorbenen Frau. Mit ihr bekommt er den Sohn Heinz David.
Als im November 1938 die Synagoge zerstört wird, erleidet Berthold eine schwere Kopfverletzung durch ein Leiterwagenrad. Der Zierenberger Arzt Dr. Schmidt fährt ihn daraufhin selbst nach Kassel ins Krankenhaus. Kurze Zeit später zieht die Familie nach Kassel in die Kleine Rosenstraße. Dort stirbt Berthold 1941 an einem 'Darmkatharr' - so jedenfalls die offizielle Version des Totenscheins.

Minna wird 1893 in Fischborn bei Gelnhausen geboren. Sie heiratet den Witwer Berthold Rothschild und zieht zu ihm nach Zierenberg. Seiner Tochter Doris ist sie eine liebevolle Mutter. Ein Jahr später kommt ihr Sohn Heinz David zur Welt.
Im November 1938 zieht sie mit Mann und Tochter nach Kassel. Ihren Sohn schicken sie zu Verwandten nach Fulda und später nach Holland, in der Annahme, dass er so überleben würde.
Als ihr Mann 1941 stirbt, zieht sie von einem Judenhaus ins nächste bis sie am 1. Juni 1942 nach Sobibor deportiert wird. Sie wird am 3. Juni 1942 – also wahrscheinlich direkt nach der Ankunft des Transportes – ermordet.

Doris wird 1921 in Zierenberg geboren. Über ihre Kindheit ist nicht viel bekannt. Ende des Jahres 1938 zieht sie nicht sofort mit den Eltern nach Kassel, sondern kommt erst 2 Wochen später in der Rosenstraße an.Vielleicht haben haben die Eltern versucht, sie mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Ob es gelang, ist noch nicht geklärt. Angekommen ist sie jedenfalls in den USA, über welchen Weg auch immer. Bei der Volkszählung von 1941 ist sie im Bundesstaat Michigan als Dienstmädchen gemeldet. Sie heiratet einen holländischen Juden namens Jack Loeb und eröffnet später mit ihm eine Baumschule in Marple Glen, Pennsylvania. Die Ehe bleibt kinderlos und als ihr Mann stirbt, führt sie das Unternehmen allein weiter. Nach Auskunft ihres Neffen verlebt sie ihre letzten Jahre in einem Pflegeheim, was durch ihre Taubheit erforderlich wird. Sie stirbt 2001 in Fort Washington, Pennsylvania.

Heinz David Rothschild Ist das jüngste Kind und einziger Sohn von Berthold und Minna Rothschild. Er wird 1923 in Zierenberg geboren und ist wahrscheinlich der einzige jüdische Junge Zierenbergs, der gern Mitglied in der Hitlerjugend ist. Die Uniform ist jedenfalls sein ganzer Stolz. Seine Eltern bringen ihn zu Verwandten nach Fulda und wähnen ihn dort in Sicherheit. Vielleicht macht er dort auch eine Ausbildung, das kann nicht mehr geklärt werden. Über die Niederlande/ Westerbork wird er letztendlich doch nach Ausschwitz deportiert und 1942 ermordet. Er wird nur 19 Jahre alt.

 

(Biografie von Gabriele Spitzinger)


Familie Holzapfel

Mittelstraße 15

 

Max Holzapfel, Hermine Holzapfel geb. Heilbronn, Gerhard Holzapfel, Manfred Holzapfel, Regina Holzapfel, Sally Holzapfel, Hedwig Holzapfel geb. Lehrberger, Ruth Holzapfel

Ihr Haus bauten Max und Sally Holzapfel im Jahre 1912. Max und Sally waren zwei von sechs Kindern der Eheleute Meier und Regine Holzapfel und lebten bereits in der fünften Generation in Zierenberg.

Max Holzapfel wurde als drittes Kind 1882 in Zierenberg geboren. Er war verheiratet mit Hermine Heilbronn aus Achim, Kreis Wolfenbüttel. In diesem Haus wohnte er mit seiner Familie und betrieb ein Schuhgeschäft und eine Polsterwerkstatt. Max und Hermine Holzapfel hatten drei Kinder: Manfred, geboren 1917, Regina, geboren 1919 und Gerhard, geboren 1921. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde die Lage für die Familie Holzapfel schwierig, Geschäft und Werkstatt wurden boykottiert, womit ihnen nach und nach die wirtschaftliche Existenzgrundlage genommen wurde, sie selbst wurden angefeindet und bedroht. 1936 zog die Familie nach Kassel. Max Holzapfel starb dort am 11.06.1938. Hermine Holzapfel wurde am 09.12.1941 von Kassel in das Ghetto Riga deportiert und ermordet. Ihren drei Kindern gelang die Flucht ins Ausland.

Manfred Holzapfel bereitete sich 1935 in der Hachschara-Gruppe im Kibbuz Grüsen bei Gemünden/Wohra auf die Auswanderung nach Palästina vor und emigrierte mit seiner Frau Lotte nach Palästina. Dort lebten sie in Holon. Manfred und Lotte Holzapfel haben eine Tochter: Edna Holzapfel, geboren 1951 in Holon/Israel. Manfred Holzapfel starb 1957 im Alter von 40 Jahren an Herzversagen.

Regina Holzapfel hat sich auch auf eine Auswanderung nach Palästina vorbereitet und schloss sich dazu der Alijah-Organisation in dem Hachschara Bauernhof Gut Winkel in Spreenhagen an. Sie ist allerdings wieder nach Kassel zurückgekehrt und wurde zusammen mit ihrer Mutter am 09.12.1941 nach Riga deportiert. Aus den Entschädigungsakten im Stadtarchiv Kassel geht hervor, dass sie die Shoa und das Ghetto Riga überlebt hat und zunächst in der damaligen Sowjetunion lebte. In den 60er Jahren ist sie dann nach Israel ausgewandert. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod in Tel Aviv.

Gerhard Holzapfel, Lehrling. Er zog 1935 nach Koblenz und von dort nach Bonn. Er konnte nach England fliehen und lebte als „Cabinetmaker“ (Schrankmacher) in London 1948 wanderte er in die USA aus und lebte in Los Angelos. Er änderte seinen Namen in Gary Hold, blieb ledig und ist verstorben.  

Sally Holzapfel war der vierte Sohn von Meier und Regine Holzapfel, geboren1884. Sally wuchs nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1895 im Israelitischen Waisenhaus in Kassel auf, besuchte die Volksschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre. Danach kehrte er nach Zierenberg zurück und betrieb dort in dem Haus, das er 1912 mit seinem Bruder Max erbaute, ein Manufaktur- und Textilwarengeschäft. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Frontsoldat eingezogen, verwundet und kehrte erst 1919 in seine Heimatstadt zurück. Am 26.06.1922 heiratete er Hedwig Lehrberger aus Borken/Hessen. Sie bauten das Geschäft weiter aus und übernahmen Ende der 20er Jahre den Vertrieb von Anker Nähmaschinen und Fahrrädern. Am 01.11.1923 wurde als einziges Kind ihre Tochter Ruth Holzapfel geboren. Sally Holzapfel war Mitglied in dem jüdischen Wohlfahrtsverein „Männerchewro“ in Zierenberg und leitete diesen ab 1924. Ähnlich wie seinem Bruder Max erging es auch Sally Holzapfel und seiner Familie. Ihr Geschäft wurde durch Boykott ruiniert. 1935 gaben sie das Geschäft auf und zogen nach Kassel. Sie hatten keine Einkünfte mehr und mussten von ihren Ersparnissen leben. 1939 mussten sie das Haus in Zierenberg weit unter Wert zu einem vom Regierungspräsidenten festgesetzten reduzierten Preis von 1.800.-- RM verkaufen. Über den Kaufpreis konnten sie jedoch nicht verfügen, die Summe wurde auf ein Sperrkonto bei einer Devisenbank eingezahlt. 1939 wurde ihr Vermögen konfisziert. Gold- und Silbergegenstände mussten sie an das Landesleihhaus  in Kassel abgeben. Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde Sally Holzapfel verhaftet und für fünf Wochen in dem Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach seiner Freilassung und Rückkehr nach Kassel floh er im Mai 1939 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Daniel, der in Münster und Berlin lebte und im November 1938 für mehrere Wochen in dem Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war, nach Belgien und von dort 1940 nach Südfrankreich. Dort wurden sie in dem Lager Gurs interniert. Sally Holzapfel starb im Januar 1941. Daniel Holzapfel ist bereits zwei Monate zuvor  in Perpignan verstorben. Hedwig Holzapfel musste 1940 ihre Wohnung in Kassel, Grüner Weg 31 aufgeben und in eines der sog. Judenhäuser ziehen. Sie wurde am 09.12.1941 von Kassel in das Ghetto Riga deportiert und ermordet. 

Ihrer Tochter Ruth Holzapfel gelang 1939 als 15-Jährige mit Hilfe einer jüdischen Flüchtlingsorganisation die Flucht nach Palästina und lebte zunächst in einem Kibbuz. Sie machte dort eine Ausbildung als Hauswirtschaftslehrerin und unterrichtete an einer High School. 1947 heiratete sie Itzhak Barsam. Ruth und Itzhak Barsam lebten in Haifa und haben drei Töchter: Nurit, Niza und Yael. Ruth Barsam starb am 07.12.1977.

 

 

(Biografie erarbeitet von Hans-Peter Klein)

Stolpersteinverlegung 2017

Ein Weg der Erinnerung und des Gedenkens

Fotos 1-4: Nina.Skripietz / Foto 5: ESS  / Foto 6-10: Stadt / Foto 11: Carolin  Woito

(Fotos und Biografien sind abgedruckt in der Abfolge der Verlegestellen)


In Absprache mit der Stadt Zierenberg, der katholischen und  der evangelischen Kirchengemeinden fand am  31. August 2017 eine 2. Aktion statt. Gunter Demnig verlegte mit Unterstützung des Bauhofs 12 Stolpersteine in den Bürgersteigen vor den Häusern Poststraße 34, Poststraße 16, Kasseler Straße 22 und Lange Straße 36. Auch diese Steine tragen die Namen von ehemals jüdischen Mitbürgern, die Opfer nationalsozialistischer Gewaltausübung und Verbrechen geworden sind und für die einmal unsere Stadt Zierenberg Heimat gewesen ist.

Die diesjährige Verlegung hatte einen besonderen Charakter. Einmal wurde durch die Mitwirkung von Mandatsträgern der Stadt, der Pfarrer der beiden Kirchengemeinden und von Schülerinnen und Schülern der Elisabeth-Selbert-Schule  die öffentliche Verantwortung der Stadt hervorgehoben. Zum anderen wurde diese Aktion mit "Worten für den Weg" wie  ein Pilgerweg  des Gedenkens und Erinnerns gestaltet. Er wurde umrahmt  mit Musik jüdischer Komponisten (Anne Petrossow und Renate Walprecht) und Gesängen aus Israel (Schulband der ESS). Ein Posaunensignal (Frank Sturm) eröffnete die jeweilige Verlegung.

Circa 100 Jugendliche und Erwachsene hatten sich eingefunden. Eröffnet wurde die Aktion am Kirchplatz. Nach der Begrüßung aller Anwesenden  und  der Mitwirkenden durch Wilfried Wicke (Sprecher der AG Erinnerungskultur)  betonte der 1. Stadtrat Helmut von Zech im Rückblick auf den Terror und die Gewalt der national-sozialistischen Diktatur:  " Die Stolpersteine bieten eine Gelegenheit, sich im Alltag mit der Vergangenheit auseinander zu setzen.... Aber auch berühren zu lassen – mit dem Blick in die Zukunft!"  Pfarrer Friedemann Rahn unterstrich in seinem Grußwort diesen Gedanken: "Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft, ohne Gedächtnis verlieren wir unsere Identität".

Vor den vier Häusern nannten Stadtverordnetenvorsteher Rüdiger Germeroth und der Ortsvereinsvorsitzende Jürgen Noll jeweils die Namen der ehemals jüdischen Mitbürger, für die Steine verlegt wurden. Sie beteiligten sich auch neben Heidi Zeuner, Anette Völkel und Dunja Brede (Mitglieder der AG) am Verlesen der "Worte für den Weg".

Zum Abschluss der Stolpersteinverlegung gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Ort der ehemaligen Synagoge, an deren Zerstörung am 08.11.1938 eine Tafel erinnert.  Pfarrer Marek Prus  sagte im Rückblick auf den   gemeinsam gegangenen Weg des Gedenkens und des Erinnerns: "Die Erinnerung ist gleichzeitig Aufbruch auf dem Weg des Friedens. Und nehmen wir möglichst viele Menschen mit auf diesem Weg."

Wilfried Wicke dankte als Sprecher der AG Erinnerungskultur allen Mitwirkenden für ihr engagiertes Mittun und den Mitarbeitern der Stadtverwaltung für die vorzügliche Organisation. Mit dem Hinweis auf einen Eintrag Dietrich Bonhoeffers am 09.11.1938  in seiner Bibel (Psalm 74, Vers 9) schloss er mit den Worten:  "Es ist wichtig, dass wir heute unseren gemeinsamen Weg durch Zierenberg auch verstehen als ein Zeichen der Hoffnung, dass niemand mehr sagen muss: '...und keiner ist bei uns...' ."

"Worte für den Weg" (Auszüge):

"Nur aus dem Leiden am Versagen kann der glaubhafte Vorsatz kommen, es nicht wieder zu tun.“ (Dr. Jaacov Ben Chanan)

"Des Todesschatten Abgrund überwunden" (Walter Sharman nach Psalm 23,4)

"Ihnen allen errichte ich...in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen... ."
(Jesaja 56,5)

"Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre. Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe." (Inschrift im Warschauer Ghetto)

"Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung. " (Talmud)

"Juden und Christen glauben doch an einen Gott, sie haben gemeinsam die Zehn Gebote, die Verbindung vom Alten Testament zum Neuen Testament,  die Psalmen, und Jesus ist doch auch ein Jude gewesen." (Levy Lion Möllerich)

Die Mitglieder der AG Erinnerungskultur 2017

 (v.l.n.r.)

vordere Reihe: Hans-Peter Klein, Anette Völkel, Martina Kolle, Wilfried Wicke, Dunja Brede
hintere Reihe:     Heidi Zeuner, Petra Wenderoth, Gabriele Spitzinger, Hermann Giesendorf

(Nicht auf dem Foto:  Bürgermeister Stefan Denn, Pfarrer Friedemann Rahn und Karin Neusüß)

 

 


Familie Schartenberg

Poststraße 34

Jakob Moritz Schartenberg, Sophie Schartenberg geb. Steppacher, Ludwig Fritz Schartenberg, Walter Schartenberg

Die Familie Schartenberg war die wohl älteste und größte jüdische Familie in Zierenberg, deren Vorfahren sich bis ins Jahr 1320 zurückverfolgen lassen.
Jakobs Vater Levi Schartenberg besaß ein Stoffgeschäft mit Manufaktur und Modewaren in Zierenberg, das er 1863 von seinem Vater Jacob übernommen hatte. Am 27. Januar 1882 wurde Jakob Moritz in Zierenberg geboren. Nach seiner Schulzeit absolvierte Jakob eine dreijährige kaufmännische Ausbildung in Warburg, trat anschließend aber ins elterliche Geschäft ein. Im Herbst 1902 entschied er sich für einen freiwilligen Dienst als Soldat, welchen er bis 1904 ausübte. 1909 übernahm er nach dem Tod seines Vaters schließlich das Textilgeschäft und baute es erfolgreich aus. 1911 heiratete Jakob die am 27.10.1884 geborene Jüdin Sophie Steppacher, das Paar bekam zwei Söhne: Ludwig Fritz wurde am 11.06.1912 geboren, bereits ein Jahr später im Juli kam Sohn Walter zur Welt.
In der ersten Kriegswoche des Ersten Weltkrieges wurde Jakob zum Wehrdienst eingezogen. Anfänglich war er mit der Ausbildung von Rekruten beauftragt und wurde schnell erst zum Gefreiten, dann zum Unteroffizier befördert. Im Frühjahr 1916 kam er nach Verdun an die französische Front und wurde dort im Gefecht leicht verletzt. Ein Granatsplitter beschädigtes sein rechtes Trommelfell, er blieb auf diesem Ohr taub. Noch im August 1918 wurde er zum Vizefeldwebel befördert. Nach Überreichung des Eisernen Kreuzes 2. Klasse und des Verwundetenabzeichens in schwarz wurde er im Februar 1919 in Anerkennung seiner Pflichterfüllung aus dem Wehrdienst entlassen.
Im Anschluss kümmerte Jakob sich intensiv um den Wiederaufbau seines Stoffgeschäftes in Zierenberg. Trotz Nachkriegswirren und Wirtschaftskrise agierte er geschickt und gelangte zu einem gewissen Reichtum. Die Familie lebte einvernehmlich mit ihren christlichen Nachbarn in der damaligen Poststraße 37, teils sogar freundschaftlich verbunden. Jakob genoss einiges Ansehen bei der Zierenberger Bevölkerung, er war Kassenwart im örtlichen Radfahrverein, Mitglied bei der Turngemeinde. 1926 erhielt er eine Ehrenurkunde für seine 25-jährige Mitgliedschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr. Außerdem wurde er zum ehrenamtlichen Mitglied des Steuerausschusses des Finanzamtes Wolfhagen ernannt. Im Jahr 1933 war er Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde Zierenbergs und der letzte Gemeindeälteste.
Spätestens in 1938 schlug aber auch das Klima in Zierenberg um. Vorher gab es wenig offenen Antisemitismus, dies änderte sich schlagartig mit der Reichspogromnacht am 09. November 1938. Bereits am Vortag wurden die jüdischen Zierenberger Familien angegriffen. Auch Jakob Schartenberg musste räuberische Übergriffe auf sein Eigentum erfahren, er wurde persönlich angegriffen, schwer misshandelt, u.a. mit Knüppeln bewusstlos geschlagen. Einige Stunden später wurde er von der Polizei festgenommen und nach Buchenwald deportiert. Nur seinem Dienst als Frontsoldat verdankte er es, dass er bereits nach zwei Wochen wieder entlassen wurde. Da das Klima auf dem Land aber immer judenfeindlicher wurde, verzog Jakob im Dezember 1938 mit seiner Frau Sophie nach Kassel in die Giesbergstraße, was eher einer Flucht gleich kam.
Seine Söhne Ludwig Fritz und Walter erkannten die Zeichen der Zeit rechtzeitig und verließen Deutschland. Ludwig Fritz ging bereits 1936 zum Medizinstudium nach Pisa. Sohn Walter hatte eine kaufmännische Laufbahn eingeschlagen, Ausbildungszeiten in Kassel und München absolviert und einige Auslandsgeschäftsreisen, u.a. nach England, unternommen. Bereits im Spätsommer 1936 fiel seine Entscheidung, Deutschland endgültig zu verlassen. In Newcastle, England, gab es ein Förderungsprojekt für neue Fabriken, hier wurde Walter angenommen. Im Januar 1938 verließ er daher mit zwei Onkeln und Familien Deutschland und baute und eröffnete bereits im Oktober 1938 eine Textilfabrik in Newcastle. Unermüdlich kämpfte Sohn Walter nun dafür, auch seine Familie nach England holen zu können. Irgendwann gelang es ihm schließlich, eine Einwanderungserlaubnis für seine Eltern und seinen Bruder Ludwig Fritz, der zwischenzeitlich in Rom lebte, zu erhalten.
Jakobs Motto war immer „Nur Kopf hoch und Gottvertrauen“, doch auch er erkannte, dass das allein zum Überleben nicht mehr reichte. So ließ die Familie bis auf einige Möbel fast ihren gesamten Besitz in Kassel zurück und erreichte am 02.08.1939, also fast zum letztmöglichen Zeitpunkt, Dover in England. In Newcastle wurde die Familie wieder vereint. Sohn Ludwig Fritz, der mittlerweile ein Visum für die USA beantragt hatte, wartete hier auf seine Ausreise und emigrierte nach dem Krieg nach Cranford, New Jersey.
Jakob und Sophie wohnten in Newcastle in der Nähe ihres Sohnes Walter, bis Sophie im Jahr 1954 mit 70 Jahren verstarb. Nun verließ Jakob England und ging ebenfalls nach Cranford, New Jersey. Dort sah er seinen Sohn Ludwig Fritz wieder, konnte aber das Zusammensein nur kurz genießen. Am 13. November 1955 verstarb Jakob Moritz Schartenberg im Alter von 73 Jahren.

Die Biografie wurde erarbeitet von der Klasse G 9a der Elisabeth-Selbert-Schule unter Leitung der Klassenlehrerin Karin Neusüß.


Familie Waldeck

Poststraße 16

Charlotte Waldeck, Laura Waldeck

Charlotte Waldeck stammte aus Euskirchen bei Bonn und wurde am 06.06.1869 als Charlotte Wallach geboren. Am 17.11.1891 heiratete sie in Euskirchen den Kaufmann Louis Waldeck aus Zierenberg. Louis Waldeck betrieb im Haus Nr. 27 in Zierenberg – nach heutiger Bezeichnung Poststr. 16 – ein kleines Geschäft. Das war – nach Aussage eines Zeitzeugen – später noch am Schaufenster einer Warenauslage an der Straßenseite des Hauses erkennbar. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: der Sohn Julius, geboren am 20.06.1893, und die Töchter Laura, geboren am 10.02.1895, und Erna, geboren am 19.09.1902. Louis starb 1915 – während des 1. Weltkrieges – im Alter von 55 Jahren.

Nach dem Tod ihres Mannes lebte Charlotte Waldeck zusammen mit den drei Kindern in der Poststraße 16, bis der Sohn und die jüngste Tochter 1920 von Zierenberg wegzogen. Danach blieb sie mit der Tochter Laura dort wohnen bis zum November 1938. Das Geschäft wurde in den 30er Jahren nicht mehr betrieben, eine Folge des Boykotts jüdischer Geschäfte durch die Nationalsozialisten mit der Parole „Kauf nicht beim Juden!“. Zum Lebensunterhalt trug in dieser Zeit ein Garten an der Kasseler Straße bei, den Mutter und Tochter dort bewirtschafteten.

Laura Waldeck war das zweite von drei Kindern der Eheleute Louis und Charlotte Waldeck. Sie kam am 10.02.1895 in dem Haus Nr. 27 – heute Poststraße 16 – zur Welt. Hier verbrachte Laura Waldeck ihre Kindheit und Jugend zusammen mit den Eltern und ihren beiden Geschwistern. 1915 – Laura war 20 Jahre alt – verstarb der Vater, 1920 zogen die Geschwister Julius und Erna von Zierenberg weg. Das Elternhaus blieb Wohnhaus bis zur gewaltsamen Vertreibung von Mutter und Tochter im Jahr 1938.

Im Verlauf des deutschlandweiten Judenpogroms im November 1938 wurde auch das Haus von Charlotte und Laura Waldeck heimgesucht. Im Unterschied zu den meisten antijüdischen Aktionen im deutschen Reich, die am 09. November 1938 stattfanden, ereigneten sich die Ausschreitungen in Zierenberg bereits am 08. November. Mit lautem Geschrei wurde die Wohnungseinrichtung der Waldecks demoliert und teilweise auf die Straße geworfen, ebenso Gläser mit eingewecktem Obst und Gemüse. Täter waren SS-Leute in Zivil aus Arolsen, begleitet von ortskundigen Zierenbergern,  die die Häuser der Juden kannten.
Nach diesem Erleiden von Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung, und angesichts einer verwüsteten Wohnung, verließen Charlotte und Laura Waldeck am übernächsten Tag Zierenberg und zogen nach Magdeburg zu ihrem Sohn bzw. Bruder Julius, der in Magdeburg als Arzt praktizierte.

In Magdeburg – nun in einem Haus wohnend, in das sie und ihre Tochter behördlicherseits eingewiesen worden waren – verstarb Charlotte Waldeck am 04.02.1941 an einer Bronchitis. Deportation und Gaskammer blieben ihr so erspart. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Magdeburg begraben. Das Grab ist bis heute erhalten geblieben.
Laura Waldeck wurde am 14.04.1942 von Magdeburg über Berlin in das Ghetto Warschau deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Das Datum ihres Todes ist nicht bekannt.

Die Biografie wurde erarbeitet von Hermann Giesendorf


Familie Möllerich

Kasseler Straße 22

Moritz Möllerich, Rosa Möllerich, geb. Katz, Levi Lion Möllerich, Kurt Josef Möllerich

Wir erinnern an die Familie Moritz und Rosa Möllerich und an ihre beiden Söhne Levy Lion und Kurt Josef Möllerich, die in Zierenberg in der Querstraße 134 (heute Kasseler Straße 22) wohnten. Ursprünglich stammte die Familie Möllerich aus Niederelsungen und lässt sich dort bis ins 18. Jhd zurückverfolgen. Bis 1933 lebten Nachfahren von Benjamin und Mariana Möllerich in verschiedenen Gemeinden und Städten Nordhessens, wie beispielsweise in Breuna, Wolfhagen, Grebenstein, Gudensberg, Warburg und Zierenberg, aber auch in Marburg Gailingen und Ingolstadt.  Diejenigen, die die Shoa überlebt haben, und deren Nachkommen leben heute in Israel, Argentinien, in den USA und in anderen Teilen der Welt. Nach Nordhessen ist keiner zurückgekehrt.

Moritz Möllerich wurde am 23.08.1886 in Niederelsungen geboren, seine Eltern waren Benjamin Möllerich und seine Ehefrau Geldchen, geb. Gumpert. Sie hatten insgesamt neun Kinder. Moritz Möllerich war Schuhmacher, nahm als Offizier am 1. Weltkrieg teil und wurde durch einen Beinschuss verwundet. Er heiratete Rosa Katz aus Zierenberg. Moritz und Rosa Möllerich hatten zwei Söhne, Levy Lion, geboren am 09.09.1918, und Kurt Josef, geboren am 08.12.1919. Die Familie wohnte bis März/April 1937 in Zierenberg in der Querstraße 134 und betrieben dort ein Schuh- und Textilwarengeschäft. Nach Boykott und Übergriffen mussten sie ihr Geschäft aufgeben, das Haus unter Preis verkaufen und nach Kassel in den Grünen Weg 24 ziehen. Levy Lion erlernte wie sein Vater das Schuhmacherhandwerk, Kurt Josef war zunächst als Handelsgehilfe tätig. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurden Moritz Möllerich und seine beiden Söhne verhaftet und  am 16.11.1938 in dem Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Sie hatten die Häftlingsnummern 30038, 30039 und 30169. Moritz Möllerich kam am 23.12.1938 zurück nach Kassel, Levy Lion und Kurt Josef Möllerich blieben bis zum 06.02.1939 in Dachau inhaftiert. Ab dem 07.02.1939 besuchte Kurt Josef die jüdische Religionsschule in Miltenberg und kehrte am 03.10.1939 nach Kassel zurück. Er wohnte in der Wilhelmshöher Allee 81, als Beruf wird in den Hausstandsbüchern (Stadtarchiv Kassel) Arbeiter angegeben. Am 02.12.1940 zieht er in das Hachschara Landgut Neuendorf bei Fürstenwalde, um sich als Gärtnereipraktikant auf die Ausreise nach Palästina vorzubereiten. Sein Bruder Levy Lion Möllerich war mit gleichem Ziel bereits am 17.11.1939 nach Neuendorf gezogen. Nach seiner Rückkehr aus Dachau hatten er vom 27.03.1939 bis zum 20.09.1939 bei der Philipp Brahm & Sohn in Kassel gearbeitet. Nachdem das Hachschara Landgut  Neuendorf von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, kehrten beide Brüder am 21.11.1941 nach Kassel in die Wilhelmshöher Allee 81 zurück. Als Berufsbezeichnung findet sich in den Hausstandsbüchern landwirtschaftliche Arbeiter. Die nachfolgenden Verfolgungen und Deportationen sind durch Akten und Dokumente des ITS Bad Arolsen belegt. Am 09.12.1941 wurde die Familie Möllerich von Kassel in das Ghetto Riga deportiert. Von dort wurde Rosa Möllerich in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und am 27.07.1944 ermordet. Moritz Möllerich hat zwar das Konzentrationslager überlebt, er starb allerdings am 02.05.1945 in Neustadt/Holstein, wahrscheinlich war er mit seinem Sohn Kurt Josef, der am 23.08.1944 in das Konzentrationslager Stutthof mit der Häftlingsnummer 72274 eingeliefert wurde, auf dem Flüchtlingsschiff „Cap Arcona“. Kurt Josef starb im April 1945 in Flensburg.
Levy Lion Möllerich überlebte als einziger seiner Familie die Shoa. Sein Schicksalsweg ist umfassend dokumentiert und sowohl durch Akten des ITS als auch durch ihn selbst belegt. Nach der Deportation im Dezember 1941 wurde er am 30.09.1943 in das Konzentrationslager Riga überstellt und am 30.09.1943 in das Konzentrationslager Stutthof deportiert (Häftlingsnummer 57590). Von dort kam er am 16.08.1944 mit der Häftlingsnummer 82560 in das Konzentrationslager Buchenwald, am 08.09.1944 in das Außenkommando Tröglitz. Über die Befreiung gibt es unterschiedliche Angaben. Nach den Dokumenten des ITS wurde er am 08.05 1945 im Ghetto Theresienstadt von der Roten Armee befreit und kehrte nach Kassel zurück. In den Hausstandsbüchern wird als Herkunftsort nach Kassel Buchenwald genannt. Danach hat er vom 20.09.1945 bis zum 17.03.1948 in der Holländische Straße 147 gewohnt, als Beruf wird Kaufmann angegeben. Letzteres Datum ist mit dem Vermerk versehen „von Amts wegen abgemeldet“. Über Zypern gelang ihm die Einreise nach Israel. Zusammen mit seiner Frau gründete er in Raanana eine neue Existenz, arbeitete als Metzger und wurde Rabbiner. Er änderte seinen Namen in Arye Yehuda Mollerich und wohnte: Rech. Gordon 18, IL 43554 Raanana. Er hat, wie er selbst in einem Brief  im Jahre 2000 schrieb, Kinder, Enkel und Urenkel. Namentlich bekannt sind von den neun Kindern Rosa, Aliza Shor, Mira Itzkowitz und N.N. Meir, sowie die Enkel Sima Kaufman, eine Tochter von Aliza Shor, die in den USA aufwuchs und mir der ich im Briefwechel stehe, sowie Menachem Meir aus Jerusalem und Benjamin Molllerich aus Modii-Ilit und eine Urenklin Tamar Meir. Arye Yehuda Mollerich war 1987/88 noch einmal in Zierenberg gewesen und hat seine Lebenserinnerung in dem im Jahr 2000 in Jerusalem erschienenen Buch „Das Licht Hawdala“ beschrieben.  Arye Yehuda Mollerich starb 2001 in Raanana. Seine Frau lebt noch dort.

Quellen:

Recherchen beim ITS Bad Arolsen am 01.12.2016
Stadtarchiv Kassel, Hausstandsbücher 1909-1969, Jüdische Einwohner, lfd. Nr. 7262-7271.
www.judeninnordhessen.tk  (Genealogien jüdischer Familien, Mölllerich)
www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de
Namen und Schicksale der Juden Kassel 1933 – 1945. Ein Gedenkbuch. Kassel 1986. 
Arye Yehuda Mollerich: Das Licht Hawdala (Candle of Distinction. Life stories from the horrible years in the valley of tears). Februar 2000 ( in Hebräisch)
Arye Yehuda Mollerich: Brief an den Magistrat der Stadt Zierenberg vom 18.10.1990.
Arye Yehuda Mollerich: Brief an Enrique Kahn, Buenos Aires / Argentinien vom 12.05.2000.

 

Die Biografie wurde erarbeitet von Hans-Peter Klein, Melsungen
                                                                

Moritz Möllerich
Rosa Möllerich
Levy Lion Möllerich
1987 auf dem jüdischen Friedhof in Zierenberg

Familie Kaufmann

Lange Straße 36

Jacob Kaufmann, Selma Kaufmann, geb. Kander


Jacob Kaufmann wurde am 5.5.1880, als Sohn von Salomon Kaufmann (geb.6.2.1847 ) und seiner Frau Jettchen aus Landau geb.
Schönstadt, in Zierenberg geboren. Er hatte einen Bruder, Rudolf Kaufmann, der am 23.11.1878 ebenfalls in Zierenberg geboren wurde.
Er heiratete im September 1905 Selma Kander aus Naumburg. Sie war am 17.02.1882 geboren. Von Beruf war Jacob Kaufmann Viehhändler.
In der Stadt Zierenberg betätigte er sich als Stadtverordneter/ Stadtvorsteher.
Jacob Kaufmann lebte in der Lange Str.36 und zog 1936 nach Kassel. Dort wählte er am 27.04.1939 den Freitod. Seine Frau wurde am 9.12.1941 nach Riga deportiert und gilt seit 1942 als verschollen.
Die Ehe blieb kinderlos.
Sein Bruder und seine Schwägerin wurden beide deportiert und kamen am 3. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobior um.
 Seine beiden Neffen 1905 und 1911 geboren, überlebten die KZs. Sie eröffneten gemeinsam ein Textilgeschäft in Korbach in der Professor Kümmel Str. 5. Dieses Geschäft existiert heute noch, wird jedoch nicht mehr von den Brüdern Kaufmann betrieben.


Leyy Lion Möllerich schreibt 1990 in einem Brief an den Magistrat der Stadt Zierenberg: 

"Jakob Kaufmann war damals Stadtverordnetenvorsteher und hat sicher sein Bestes getan für die Stadt Zierenberg;
er wurde eines Tages von der Gestapo abgeholt und nach 3 Tagen kam die Nachricht, er habe sich im Untersuchungsgefängnis
 durch Erhängen selbst das Leben genommen, ob das auf Wahrheit beruht hat, ist noch heute zu bezweifeln."

Die Biografie wurde erarbeitet von Martina Kolle.